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Rote Couch und Land Rover
Aus: CB-Stadtmagazin Januar/Februar 2009

Dr. Dieter Sikorski ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Carl-Thiem-Klinikum

Der Mann liebt Land Rover und das Land an der östlichen Grenze Brandenburgs, die spröden, von der Braunkohle geprägten Landschaften in der Region um Cottbus. Dass ihm auch die Arbeit hier Spaß machen und schließlich halten würde, war für Dr. med. Dieter Sikorsi 1995 beileibe noch nicht vorstellbar. In die neuen Bundesländer war der aus Kaiserslautern stammende Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut gekommen, weil ihn die Aufbruchsituation im Osten reizte. „Ich kam nach meiner Ausbildung in der Psychosomatischen Fachklinik in Bad Schwalbach im Taunus und meiner Facharztaus-
bildung in der Klinik Landeck/Pfalz an die damalige Nervenklinik im Carl-Thiem-Klinikum und fand die Verhältnisse zunächst schrecklich. Die Stationen mit ihrem absoluten Mangel an Intimität für die Patienten, die sehr eigenartige Spezialisierung der Stationen, die Behandlungsstrategien... Das alles entsprach nicht meinen Vorstellungen von einer modernen Psychiatrie, die wirkungsvolle und patientenorientierte Hilfs- und Heilungsangebote macht.“ Zunächst war eine strukturelle Veränderung notwendig, Neurologie und Psychiatrie wurden selbstständige Kliniken. Sikorski hatte schon vor seiner Zeit in Cottbus eine psychiatrische Fachabteilung mit 100 Betten mit geschlossenen und offenen Stationen geleitet. Hier in Cottbus wollte er gänzlich Neues realisieren. Die Stationen sollten sektorisiert werden, die Türen sollten offen bleiben und dennoch sollte eine Vollversorgung für ungefähr 160 000 Einwohner gewährleistet werden. „Da war natürlich eine Menge Skepsis und Misstrauen, wie das denn ginge. Abgeschafft haben wir auch die Einteilung der Patienten auf den Stationen nach Krankheitsbildern, also die sogenannten Spezialstationen. Unsere Stationen nehmen gemischt auf – sprich unser Einzugsgebiet ist in Sektoren eingeteilt, die den entsprechenden Stationen zugewiesen werden.“ Der Arzt sieht darin große Vorteile für die Therapie: „Die komplexen Behandlungsansätze, das Zusammensein der Patienten in den Zimmern – übrigens in der Regel Zweibett-Zimmer, Einzelzimmer können isolieren – fördern die soziale Kompetenz, das Miteinander. Das alles ist Teil der Behandlungsstrategie.“

Er wolle kein Krankenhaus, sondern eher ein Hotel, hatte sich Dr. Sikorski vorgenommen, eine Umgebung, in der Menschen in schwierigen Situationen mit professioneller Hilfe wieder ins „richtige Leben“ zurückfinden. „Verglichen mit der vorgefundenen Situation und der, wie sie mitunter noch an anderen Orten anzutreffen ist, haben wir heute beste Verhältnisse“, sagt er. Dass die Umsetzung nicht einfach war, verschweigt er nicht. Investitionen waren notwendig, aber vor allem das Umdenken der ärztlichen Kollegen, der Schwestern, Therapeuten, Sozialarbeiter war die größte Hürde. Sikorski lacht. „Heute kommen Fachleute zu uns und fragen nach den Spezialabteilungen für die Patienten, die ‚weggesperrt’ werden müssten. Haben wir nicht, sage ich. Und das gehe? Natürlich geht das, mit dem hier bewährten Konzept des Miteinander.“
Dr. Sikorski verteufelt Psychopharmaka nicht, wie ihm mitunter nachgesagt wird, sondern ist für ihren verantwortungsvollen Einsatz dort wo, sie notwendig sind – dies im Zusammenspiel mit psychotherapeutischen Möglichkeiten des Gesprächs in der Gruppe oder einzeln, mit Ergotherapie, Spiel, Musik, Kommunikation. „Psychiatrie ist in erster Linie Beziehungsarbeit, nicht Pillen verordnen, aber diese gehören von Fall zu Fall auch dazu.“
In seinem Arbeitszimmer erinnert eine rote Couch an Siegmund Freud, und tatsächlich hält Dr. Sikorski viel von dessen Schule der Psychoanalyse. „Man macht heute eine Menge anders, aber das Gespräch ist Grundlage, wenngleich ich, im Gegensatz zu Freud, nicht hinter dem Patienten, sondern frontal zu ihm Platz nehme, mit ihm von Angesicht zu Angesicht spreche.“

Erstaunen bei Gästen und neuen Patienten auch noch heute darüber, dass man in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, wie sie korrekt heißt, keine weißen Kittel sieht. Noch so ein Konzept des Dr. Sikorski, mit dem er anfangs auf viel Widerstand stieß. Warum ist das so wichtig für ihn?
„Ich bin der festen Überzeugung, dass ein guter Arzt einen solchen ‚Schutzkittel’, wie ich ihn nenne, nicht braucht. Denn er erzeugt Distanz, kann andere Menschen klein machen, gerade das wollen wir ja nicht! Denken Sie an den so genannten Weißkitteleffekt, der bei Patienten, die Blutdruck gemessen bekommen, zunächst einen zu hohen erzeugen kann, wie man festgestellt hat. Es geht mir darum zu signalisieren – hier sitzt dir einer gegenüber, der will dir helfen, ein Mensch eben, keiner der kraft seines Kittels Macht über dich hat... Heute finden es die Mitarbeiter gut und richtig, viele tragen die Intention nach außen, wenn auch gelegentlich ein ärztlicher Kollege, der in ein anderes Haus gehen will, wieder zum Kittel greift. Manches braucht eben seine Zeit.“ Neben der „Zivilkleidung“ hat Dr. Sikorski übrigens noch einen ganz eigenen Stil – bezüglich der Schuhe. Bei ihm sind es ausschließlich – Clogs...

In den Medien war erst kürzlich wieder zu lesen, dass psychische Erkrankungen zunähmen. Macht Chefarzt Dr. Sikorski diese Beobachtung auch? „Ich sehe das nicht ganz so. Dass die realen Zahlen der psychischen Erkrankungen zugenommen haben, liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass heute, mit modernen Möglichkeiten und Auffassungen der Psychiatrie, mehr Erkrankungen diagnostiziert werden, die früher nicht als solche erkannt wurden, aber durchaus vorhanden waren. Wir haben hier in Cottbus eine gute Versorgungssituation, aber auch kein verstärktes Auftreten von psychischen Erkrankungen, ebenso wenig von Suchterkrankungen, wenngleich der Alkoholkonsum mit seinen Folgen immer noch viel zu hoch ist. „
Worauf sich die Mitarbeiter der Klinik vorbereiten, sind die altersbedingten psychischen Erkrankungen, die folgerichtig bei einer immer älter werdenden Bevölkerung vermehrt auftreten werden. Gemeinsam mit den Geriatern werden Therapiestrategien entwickelt, die das Training des täglichen Lebens bei diesen Patienten beinhalten.
Zudem sei, so Dr. Sikorski, das psychiatrische Netzwerk in der Region fest geknüpft, die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Fachärzten, den Hausärzten, mit Nachfolgeeinrichtungen funktioniere gut. Besonders hervorheben möchte der Chefarzt die Kontakte zur Polizei. „Wir haben es gemeinsam erreicht, dass Verständnis und entsprechendes Verhalten gegenüber psychiatrisch auffälligen Menschen bei den Polizisten anzutreffen ist, das ist sehr wichtig.“

Dr. Dieter Sikorski, der mit ergrauter Haartracht immer mehr an Albert Einstein erinnert – allerdings spielte dieser bekanntlich Geige und nicht, wie der Arzt, Gitarre – hat sichtbar Freude an seiner Arbeit und noch viel vor. Ausgleich für den Kopf, wie er sagt, bietet das Bauen an und Fahren mit seinen Land Rovern . Die Sammlung auf dem Grundstück in Welzow umfasst im Moment acht Fahrzeuge, sein Stolz ist eines aus dem Jahr 1948 – übrigens gleiches Baujahr wie sein Besitzer... Der sagt: „Wenn ich noch mal auf die Welt komme, dann in Cottbus!“ – und darüber können sich Patienten und Mitarbeiter ja nur freuen!
Annegret Hofmann
Zuletzt bearbeitet 29.04.2009 15:20 Uhr